Das subversive Potential des Zombies.
Im Kontext des bereits erwähnten Untoten-Kongress, nun eine Erörterung der Figur des Zombies:
Zu Anbeginn jedes denkbaren Zombieszenarios steht die Umwälzung alles Bestehenden. Einer Plage gleich kommt die Invasion untoter Körper über die Welt, hochinfektiös und meist in Verbindung mit einer sehr kurzen Inkubationszeit. Die Auswirkungen sind meist so verheerend, dass ein Großteil der Betroffenen (schätzungsweise immer so 98% der Menschen in einem bestimmten Gebiet) entweder sabbernd und oder Blut kotzend durch die Landschaft röchelt. Je nach Zombie-Konzeption auch rennt. In jedem Fall kann man meist von einem Umsturz aller bestehenden Verhältnisse sprechen¹.
Die eine Frage, die das Auftreten der untoten Bedrohung aufwirft, ist die nach dem Verhalten der Überlebenden. Dabei ist es meist der Fall, dass zwar demographisch eine mächtige Zäsur zu verzeichnen ist, aber in keiner Weise das Verhalten der AkteureInnen, ihre Organisationsformen untereinander irgendwie überraschend wären. Nahrung sammeln, romantische Potentiale ausloten, Waffen putzen, Eigentum verteidigen². Den Noch-Menschen kommt aus nahe liegenden Gründen (Lebendkörperfresserinvasion) nicht der Gedanke „He, schöner Neustart! Wie wäre es mit einer befreiten Gesellschaft?“. Die Apokalypse der Untoten markiert auch vielmehr das Ende allen gesellschaftlichen Daseins. Der Zusammenbruch jeder Infrastruktur und Herrschaft wirft die Menschheit zurück in tribale Verhältnisse. So gehört zu jeder Post-Zombie Community der entsprechende Häuptling (z.B. der örtliche Sheriff), ein beträchtlicher Prozentsatz von Alten, Kranken und Kindern, die das Überleben denkbar erschweren und eine Belastung darstellen, das gutaussehende Frauchen (geringe Überlebenschance) das auch noch tough ist (gute Überlebenschance), sowie ein irrer Waffennarr. Also eigentlich alles wie gehabt in der modernen Industriegesellschaft. So betrachtet ist das Zombieszenario nichts anderes als eine moderne Robinsonade.
Und da ist das Problem: wie der Wirtschaftswissenschaftler, der der modernen politischen Ökonomie durch Inselszenarien ihre Naturwüchsigkeit nachweisen will, können Zombieapokalypsen kein wirklich adäquates Licht auf die Zukunft und die Möglichkeit einer befreiten Gesellschaft werfen.
Etwas anders ist es mit der Frage nach dem Zombie selbst. Seine Herkunft ist in der Regel etwas obskur, erklärt durch entweder biblisch: die Hölle ist voll, oder biologistisch: Veränderung der Zellstruktur, Wutvirus etc.³ Wichtig hierbei: der kommt Zombie metaphysisch mit Notwendigkeit nach dem Menschen. Immer wird der Mensch zum Zombie. Dieser Sachverhalt ist ein Hinweis darauf, dass all das, was den Zombie ausmacht im Menschen bereits enthalten ist. Was der Zombie nur nicht hat ist die Fähigkeit ein gesellschaftliches Dasein zu führen. Damit wird der Untote zum Imperativ für die menschliche Sozietät. Nun kann solch eine Sozeität ja alles Mögliche beinhalten. Hier wird der Zeitraum des Erscheinens des modernen Zombies interessant, nämlich die entwickelte Industriegesellschaft (bevorzugt USA). Ein Zombieszenario in Bangladesh widerspräche dem Zombiebegriff. Der Zombie hat ein explizites Ziel: der Mensch im entwickelten Kapitalismus westlicher Bauart. Der subversive Imperativ, der dann daraus folgt:
Ändert die Gesellschaft, die Zombies kommen!
Fußnoten:
¹ Ganz im Gegensatz zu der anderen popkulturellen Untoten-Großgruppe: der Vampire. Die agieren eher klandestin, machen sich rar, saugen hier und da mal eine Jungfrau aus und pflegen ansonsten ihre Schlösser (F.W. Murnau: Nosferatu) oder Erörtern das Thema ‚Sex mit Menschenweibchen’ (Twilight). Summa summarum keinerlei subversives Potential. Ausnahmen bilden vielleicht der goldene Nazi-Vampir und die Serie ‚True Blood’.
² Hierbei dürfte die Verteidigung des Eigentums das logisch dämlichste sein. Gibt es denn noch eine Staatsmacht die Eigentum ins Werk setzt/ dann auch garantiert? Unwahrscheinlich. Nach Zombieinvasionen ist oft weniger vom bürgerlichen Staat übrig, als nach einem atomaren Erstschlag zu Kalter-Krieg-Zeiten.
³ Interessant wird es wenn man sein Verhalten betrachtet, insbesondere bei Romeros „Dawn of the Dead“ schlurfen die Untoten zurück in das Einkaufszentrum, einfach weil sie dort in ihrem (früheren) Leben immer schöne Stunden erlebt haben.




Kann es sein, dass es in den bisher kommunistisch bezeichneten Staaten bzw. Staaten mit autoritärer Herrschaftsform keine Zombiefilme gab, weil eben dieses Genre das Ende/die Grenzen des Systems zeigen würde und sich ebensolche Staaten des Faktors, dass diese Systeme letztendlich a) durch die Unfähigkeit seiner Bürger zu überleben und b) die in den Filmen immer gezeigte schiere Masse der 'Infizierten' nur zu bewußt sind, um dergleichen ihren getreuen Bürgern zu zeigen?
Und ist es nicht so, dass (mit wenigen Ausnahmen: Shaun of the Dead, 28Days Later, Diary of the Dead) grundsätzlich eben nicht das Happy End und Wiedereinsetzen der vorherigen Verhältnisse haben?
Endweder flüchtet die verbliebene Bevölkerung aus ihrem Habitat, oder wird vernichtet.
Ergänzung @Greenspam: "Voodoo - Schreckensinsel der Zombies" - Der beste Zombiefilm, auch ohne Happy Ending.
Zu Zombiefilmen: Diese spiegeln einfach die Angst der Zivilisierten vor der Regression in archaische Verhältnisse des Fressens und Gefressenwerdens, Kanibalismus etc.
http://www.youtube.com/watch?v=yaeAvaaaJus
@greenspam:
Dass das Zombiegenre keine große Verbreitung in den Ostblockstaaten hatte, kann gut und gerne daran liegen, dass man dem Staatsvolk nur ungern eine apokalyptische Zukunft vor Augen führt. Ich denke aber eher, dass man solche Filme als zu grausig und westlich empfand, nach dem Motto: auf-solche-Ideen-kann-ja-nur-der-verrohte-Klassenfeind-kommen. Und wer schon Beatles-Songs als "Yeah-Yeah-Yeah"-Musik denunziert, dem passen Zombiefilme schon gar nicht ins staatliche Erziehungskonzept.
Aus der Sicht demokratisch-kapitalistisch eingerichteter Staaten allerdings sind Weltuntergangsszenarien gar nicht so unpraktisch, sogar höchst affirmative Anschauungsmaterialien, die zeigen, was passiert wenn es mal mit dem Bestehenden ratz fatz vorbei ist - Tod, Verderben, Verwüstung, Kannibalismus - DIE einzige Alternative zum Kapitalismus, ganz klar.
Robert hat ja auch bereits treffend die Dimension der Angst vor der Un-Zivilisation benannt: Fressen und Gefressen werden. Bellum zombium contra omnes.
@Tom
Das ist eine Lesart dieser Szenarien. Man kann auch argumentieren, dass ein System, welches derartige Kräfte(das entsprechende Virus) zum Eigennutz entfesselt, eben auch dadurch(quasi sich selbst) gestürzt werden MUSS. Kurz eine Einsicht nicht kommt, bzw. zu spät ('Oh mein Gott, was haben wir getan.) Den meisten Protagonisten geht es in Zombiefilmen eher um das eigene Überleben angesichts der Massen von Untoten. Dann kommt das zum Überleben notwendige Werkzeug(Waffen, Medizin, tralalala) und dann der nächste Mensch.
Warum sollte auch ein Umdenken geschehen in einem solchen Szenario? Der Umsturz wurde gewissermaßen nicht von den Individuen herbeigeführt(außer in einzelnen Filmen) und sie haben schlichtweg nicht die Möglichkeit sich erstmal hinzusetzen und eine neue Gesellschaftsordnung zu schaffen. Dass nebenbei die Kommunikationswege zu anderen Gruppen Überlebender eben nicht zwingend geeignet sind mal flink einen Kongress(geschweige denn eine Vollversammlung aller) auszurichten, sollte noch mitschwingen. Und dass die Systeme von Mikro-Gesellschaften sich dann auch nicht auf größere Gruppen übertragen lassen, sollte auch noch klar sein. Konflikte wären demnach nur nachvollziehbar.(siehe das Comic 'The Walking Dead')
Einzelne Filme können da aber auch immer ausscheren. Zombie-Gesellschaften ('War of the Living Dead') können existieren, selbst ein allmähliches Umdenken von Zombies(Vermenschlichung, wie in Day of the Dead(Remake) oder 'Survival of the Dead', 'Fido') ist möglich.
Und schon bei 'Shaun of the Dead' wurde dezidiert auf das Zombie-ähnliche Verhalten der Bürger im Vornherein hingewiesen, oder schlechter Umgang mit Zombies als Menschen zweiter(toter) Klasse kritisiert(erneut 'Fido').
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